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Glaube als letzte
Hoffnung in Krisen und Konflikten*
Von
Karina Böckmann
Berlin – Auf der Suche nach Verbündeten für die
Millionen Menschen, die durch Krisen und Konflikte
entwurzelt wurden, hat das UN-Flüchtlingshochkommissariat
(UNHCR) die Bedeutung der religiösen Hilfswerke
entdeckt. So konzentrierte sich die UN-Organisation
in ihrer 60 jährigen Geschichte erstmals an einem
von drei Tagen ihrer diesjährigen Beratungen mit
Nichtregierungsorganisationen auf die Aktivitäten
und Erfahrungen, die Glaubensgruppen in der
internationalen Flüchtlingsarbeit gemacht haben.
Am 28. Juni standen dem UNHCR eine christliche,
muslimische, jüdische und buddhistische
Hilfsorganisation Rede und Antwort über ihre
Aktivitäten in Krisen- und Konfliktländern. So ging
es unter anderem um die Frage, wo die Stärken der
Organisationen liegen und für welche Maßnahmen sie
aufgrund ihrer einzigartigen Bindung zu ihren
jeweiligen Glaubensgemeinschaften am besten geeignet
sind.
Es referierten Hening Parlan vom Humanitären Forum
Indonesiens, Kediende Akec vom Sudanesischen
Kirchenrat, (ERRADA), Enrique Burbinski von der
Südamerika-Sektion der Hebräischen Gesellschaft für
Einwandererhilfe und Kimiaki Kawai vom
Friedenskomitee der japanischen Organisation 'Soka
Gakkai' (SG).
Glaube in humanitärer Hilfe nicht präsent
"Obwohl der Glaube eine wichtige Rolle im Leben
vieler von Krisen und Konflikten bedrohten und
heimgesuchten Menschen spielt, haben vor allem
weltliche Werte die humanitäre Hilfe des Westens
geprägt", schrieb das UNHCR in einer Stellungnahme.
"Das führt vielfach dazu, dass der Einfluss der
Religionen übersehen oder heruntergespielt wird.
Oder, was noch schlimmer ist: Religiosität stößt
vielfach auf Argwohn, wodurch dem Glauben jenseits
der Privatsphäre jede Berechtigung abgesprochen wird."
Weiter hieß es in dem Papier: "Der Glaube jedoch
fließt nicht nur tief in den Adern der kriegs- und
konfliktbetroffenen Gemeinschaften, sondern spielt
auch in deren Leben eine entscheidende Rolle. Er
hilft den Menschen, mit ihren Traumata fertig zu
werden, verleiht ihrem Menschsein einen Wert, nimmt
Einfluss auf ihre Entscheidungen und bietet den
Betroffenen in ihren schlimmsten Stunden Anleitung,
Mitgefühl, Trost und Hoffnung an."
Ob nun inmitten von Volksaufständen und
Naturkatastrophen etwa in Pakistan, Burma, im Sudan,
in Somalia oder auf den Philippinen – beim Schutz
der Vertriebenen und Flüchtlinge kämen Glaube und
Glaubensgruppen eine besondere Rolle zu, unterstrich
das UNHCR.
Diese Ansicht teilt das UNHCR mit Hirotsugu Terasaki,
Exekutivdirektor des Friedensbüros von SG
International, der Kawai zu den Beratungen nach Genf
begleitet hatte. "Religiöse Hilfsgruppen sind in
einer starken Position, um die Überlebenden darin zu
bestärken, sich selbst an Hilfsaktionen zu
beteiligen und diesen Effektivität und
Nachhaltigkeit zu verleihen."
In Japan hatte die buddhistische Organisation nach
dem verheerenden Erdbeben der Stärke neun auf der
Richterskala vom 11. März und dem sich 30 Minuten
später anschließenden Tsunami rasch Nothilfe
geleistet. Der Tsunami beschädigte den Atomreaktor
in der Präfektur Fukushima und verursachte eine
Kernschmelze mit allen damit verbundenen Problemen.
Wie Kawai vor rund 200 Teilnehmern des
UNHCR-Eröffnungspanels erklärte, ist die Zahl der
Todesopfer in Japan bis zum 22. Juni auf mindestens
15.000 gestiegen. Über 7.000 Menschen werden noch
vermisst und mehr als 110.000 leben in Zelten oder
anderen Behelfsunterkünften. "Viele Dörfer und
Städte in der betroffenen Region wurden vollständig
zerstört", berichtete er. Bis zum 5. Juni hätten um
die 390.000 Freiwillige Nothilfe geleistet. Auch
Glaubensgruppen wie SG hätten sich an den
Aktivitäten beteiligt.
Wie Terasaki während eines Zwischenstopps in Berlin
erläuterte, hatte er selbst die Katastrophengebiete
in der Region Tohoku besucht. Bei dieser Gelegenheit
ist ihm aufgefallen, dass auch zahlreiche
SG-Mitglieder von den Katastrophen betroffen waren.
Sie erzählten ihm, dass ihnen die Botschaft des
SGI-Präsidenten Ikeda geholfen habe, "nicht auch
noch den Reichtum ihres Herzens zu verlieren".
Terasaki zufolge besitzen Religionen die besondere
Gabe, den Menschen in den noch so aussichtlos
erscheinenden Momenten Mut zu machen.
Kawai zufolge leistete Soka Gakkai Japan zahlreichen
Menschen Nothilfe. Die Gemeindezentren der
Organisation dienten den aus den Krisengebieten
evakuierten Menschen als Zufluchtsorte, wo sie mit
dem Nötigsten versorgt werden konnten. In 52 der
Zentren in der Region Tohoku sowie in den
Präfekturen Ibaraki and Chiba beherbergte die
Organisation rund 5.000 Menschen. "Auch unsere
Mitglieder nahmen Bedürftige auf oder stellten ihre
Häuser als Knotenpunkte für die Verteilung der
Hilfslieferungen zur Verfügung", berichtete Kawai.
Schlichter zwischen den Fronten
Es ist ein offenes Geheimnis, was sich auch auf
der UNHCR-Tagung bestätigen sollte, dass es zwischen
christlichen und muslimischen Gruppen immer wieder
zu Spannungen kommt. Terasaki zufolge könnte hier
SGI als buddhistische Organisation dazu beitragen,
die Konflikte zwischen den beiden
Religionsgemeinschaften zu schlichten.
In diesem Zusammenhang zitierte Terasaki den
SGI-Präsidenten Ikeda, demzufolge in Fällen, in
denen jeder Eins-zu-Eins-Dialog schwierig wird, eine
dritte Partei Hilfeleistung beim Zustandekommen der
Gespräche leisten könnte. "Der Buddhismus existiert
durch Dialog und vermittelt den Wert der kreativen
Koexistenz zur Überwindung aller Differenzen." Von
diesem Gesichtspunkt aus betrachtet könne SGI
durchaus dazu beitragen, den Dialog zu fördern.
"Meiner Meinung nach boten die
UNHCR-Jahresberatungen mit NGOs den
unterschiedlichen Religionsgruppen einschließlich
SGI eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen und
voneinander zu lernen", sagte Terasaki. "Nun ist es
wichtig, auch weiterhin Möglichkeiten zu schaffen,
damit der Dialog fortgesetzt und vertieft werden
kann."
Der Bedarf ist durchaus gegeben, wie UNHCR-Chef
António Guterres am 28. Juni erläuterte. "Seit
Anfang des Jahres sind wir Zeugen einer
Vervielfältigung von zum Teil völlig
unvorhersehbaren Krisen, die Menschen in die Flucht
getrieben haben. Gleichzeitig jedoch scheinen die
alten Krisen nicht auszusterben", so Guterres in
Anspielung auf den jüngsten Konflikt in Côte
d'Ivoire, die Volksaufstände in Nordafrika und
Nahost und die politische Instabilität in
Afghanistan, Somalia, im Irak und im Sudan.
(14. Juli 2011)
*Dieser Beitrag erschien in englischer Sprache in
IDN-InDepthNews, ein Partner von IPS Deutschland:
http://www.indepthnews.net/news/news.php?key1=2011-07-12%2018:24:35&key2=1
Links:
http://www.unhcr.org/4e09f6cc9.html
http://www.sgi.org/about-us/media-room.html |